Was ist Selbsterfahrung?Und wie arbeitet eine Selbsterfahrungsgruppe?
Selbsterfahrung heißt, die eigene Person in Beziehung zu erleben – mit dem, was trägt, und mit dem, was noch keinen Platz hat. Hier finden Sie die Grundlagen aus personzentrierter Sicht.

- Psychotherapeut · Personzentrierte Psychotherapie
- Eingetragen BMSGPK · Nr. 11540
Selbsterfahrung im personzentrierten Ansatz
Als Selbsterfahrungen bezeichnet der personzentrierte Ansatz jene Erfahrungen, aus denen sich unser Selbst – das Bild, das wir von uns haben – bildet. Dieses Selbst ist keine feste Größe, sondern eine sich wandelnde Gestalt: Wir nehmen uns wahr, unsere Beziehungen zu anderen und die Werte, die mit diesen Erfahrungen verbunden sind.
Nicht alles, was wir erleben, passt zu diesem Selbstbild. Wo Erleben und Selbstbild auseinanderklaffen, spricht man von Inkongruenz: Erfahrungen werden übersehen oder umgedeutet, und es kostet Kraft, sie fernzuhalten. In der Selbsterfahrung bekommen solche Erfahrungen Raum – so weit und so schnell, wie es für Sie stimmig ist.
Für alle, die später selbst beraten oder psychotherapeutisch arbeiten, ist das zentral: Wer die eigenen Muster, Grenzen und blinden Flecken kennt, kann anderen klarer und freier begegnen. Deshalb ist Selbsterfahrung fester Bestandteil von Propädeutikum, Fachspezifikum und Lebens- und Sozialberatung.
Das Menschenbild dahinter
Carl R. Rogers (1902–1987) ging davon aus, dass jeder Mensch eine Aktualisierungstendenz in sich trägt: eine Kraft, sich in Richtung größerer Reife zu entwickeln. Sie kann durch schmerzliche Beziehungserfahrungen blockiert, aber nie ausgelöscht werden – und sie wird frei, wenn das Klima einer Beziehung es zulässt.
Der Ansatz sucht daher nicht nach Defiziten, um sie zu behandeln, sondern nach den Bedingungen, unter denen Entwicklung möglich wird. Peter F. Schmid hat es so zusammengefasst: Gefragt wird nicht „Was ist dieser Mensch?“, sondern aus der Beziehung heraus „Wer bist du?“. Der Mensch wird nicht beobachtet und gedeutet, sondern ihm wird als Person begegnet und er wird einfühlend verstanden.
Daraus folgt eine nicht-direktive Haltung: Niemand ist mehr Experte für Ihr Leben als Sie selbst. Ratschläge, Interpretationen, Moralisieren oder Hinwegtrösten haben in dieser Arbeit keinen Platz – nicht aus Passivität, sondern aus Vertrauen in Ihre eigene Richtung.
Drei Grundhaltungen
Rogers beschrieb, unter welchen Bedingungen Persönlichkeitsentwicklung in Beziehungen geschieht. Drei davon prägen auch jede personzentrierte Selbsterfahrung.
Echtheit (Kongruenz)
Die begleitende Person ist sich ihrer eigenen Gefühle bewusst und zeigt sich ehrlich, ohne Fassade. So entsteht Realität, an der auch andere nach der Realität in sich suchen können.
Bedingungslose Wertschätzung
Sie werden angenommen, ohne dass diese Annahme an Bedingungen geknüpft ist – auch mit dem, was Ihnen selbst an sich schwerfällt.
Einfühlendes Verstehen (Empathie)
Ihr inneres Erleben wird aus Ihrem eigenen Bezugsrahmen heraus verstanden und zurückgemeldet, ohne Deutung und ohne Bewertung.
Wenn diese drei Haltungen zusammenwirken, spricht man von Präsenz. Wer sie erlebt, wird oft selbst stimmiger, offener im Kontakt und freundlicher zu sich selbst – in der Psychotherapie ebenso wie in Selbsterfahrungsgruppen.
Die Selbsterfahrungsgruppe
Mehrere Personen versuchen, untereinander und sich selbst gegenüber offen und wahrhaftig zu sein – begleitet von einer Person, die sie dabei unterstützt. Rogers begann um 1945, mit solchen Gruppen zu arbeiten.
Ziele der Gruppe
- Sich in einem Gruppenklima kennenlernen, das von Annahme, Offenheit und Empathie getragen ist.
- Die drei personzentrierten Grundhaltungen am eigenen Leib erleben – und wie die Leitung mit Unstimmigkeiten umgeht.
- Personzentrierte Einstellungen in schwierigen persönlichen und zwischenmenschlichen Situationen selbst erproben.
- Selbstannahme, Selbstverständnis, Selbstempathie und Offenheit für eigene Erfahrungen vertiefen.
Wozu sie dienen kann
- eigene Ressourcen wie Zuversicht und Selbstvertrauen erkennen und nutzen lernen
- eine personzentrierte Haltung in professionellen Beziehungen einnehmen lernen
- die eigenen Grenzen und Schwierigkeiten mit dieser Haltung erkennen und bearbeiten
- offener werden für alte und neue, auch belastende Erfahrungen
- Unstimmigkeiten zwischen Erleben und Selbstbild bei sich und anderen wahrnehmen – und lernen, sie zu verringern oder auch auszuhalten
Die Gruppe ist ein eigener Erfahrungsraum: Sie erleben nicht nur sich selbst, sondern auch, wie andere Sie wahrnehmen – und wie es ist, andere in ihrem Erleben zu begleiten.
Wie ein Gruppenwochenende abläuft
- 1
Ankommen
Vorstellungsrunde: Warum bin ich hier? Was erwarte ich von der Gruppe und für mich selbst? Was fühle ich gerade?
- 2
Offene Gruppe
Kein vorgegebenes Programm (free encounter). Was die Teilnehmenden einbringen, bestimmt den Verlauf – Anliegen, Fragen, Begegnungen im Hier und Jetzt.
- 3
Abschluss
Jede Person fasst ihre Erfahrung zusammen, Erwartungen und Erlebtes werden verglichen, und wir verabschieden uns persönlich.
So verstehe ich meine Rolle
Angelehnt an Rogers’ Hinweise für Gruppenleitende („Facilitator“) heißt das für mich:
- ein personzentriertes Gruppenklima ermöglichen
- die Gruppe und jede einzelne Person wertschätzen
- einfühlend verstehen und eigene Gefühle ausdrücken
- Rückmeldung geben, ohne zu verletzen
- weder Inhalte noch Übungen vorausplanen
- auf Deutungen und Prozesskommentare verzichten
- dem Potenzial der Gruppe vertrauen
- als Person präsent sein, nicht als Autorität
Sicherheit und Grenzen
Sie bestimmen selbst, was Sie einbringen und wie weit Sie gehen. Niemand wird zu Offenheit gedrängt oder in Erleben hineingetrieben, das gerade nicht tragbar ist.
Gerade am Anfang braucht Vertrauen Zeit. Stockt der Prozess, gilt: Einzelne und die Gruppe gehen weiter, wenn genug Sicherheit da ist – nicht früher.
Wird es für jemanden zu viel, wird das begleitet und aufgefangen. Rückmeldungen in der Gruppe bleiben respektvoll: Kritik am Verhalten ja, Abwertung der Person nein.
Selbsterfahrung ist keine Krankenbehandlung. Wenn Sie aktuell psychisch stark belastet sind, sprechen Sie das bitte vorab mit mir an.
Selbsterfahrung bei mir
Einzeln, in der Gruppe oder kombiniert – mit Bestätigung auf dem Formular Ihres Lehrgangs. Von November bis Mai gibt es jeden Monat ein Selbsterfahrungswochenende in Unterwaltersdorf.
Literatur
- Rogers, C. R.: Entwicklung der Persönlichkeit. Klett-Cotta.
- Rogers, C. R. (1959): Eine Theorie der Psychotherapie, der Persönlichkeit und der zwischenmenschlichen Beziehungen.
- Rogers, C. R. (1970): Carl Rogers on Encounter Groups. Harper & Row.
- Schmid, P. F. (1989, 1997): Schriften zum Personzentrierten Ansatz.
- Keil, W. W., Stumm, G. & Zinschitz, E. (2002): Die vielen Gesichter der Personzentrierten Psychotherapie. Springer.
- Gendlin, E. T. (1982): Focusing. Bantam.